Raubkopien: “Viele Nutzer tappen weiterhin in die Falle”

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Laut einem aktuellen EU-Report ist die Zahl Urheberrechtsverletzungen zwischen 2017 und 2018 in der EU um 15 Prozent zurückgegangen, die in Deutschland sogar um 25 Prozent. Bemerkt man diese Entwicklung auch an der Zahl der Abmahnungen? Wie ist die Entwicklung dort in den letzten Jahren verlaufen?

Ja, auch wir können bestätigen, dass der Trend der vergangenen Jahre insgesamt zeigt, dass zumindest weniger abgemahnt wird. Daher ist zu vermuten, dass auch weniger Urheberrechtsverletzungen begangen werden. 

In der EU liegt Deutschland laut dem Bericht bei den Urheberrechtsverletzungen pro Kopf ganz hinten, nur in Finnland sind es demnach weniger. Knapp sieben Mal monatlich greifen Deutsche im Schnitt demnach auf urheberrechtlich geschützte Inhalte zu. Halten Sie diese Werte für realistisch?

Angesichts der inzwischen zahlreichen hervorragenden Bezahlangebote wie Netflix, Spotify, DAZN und Co. halte ich diese Zahlen im Bundesdurchschnitt für realistisch. Viele Nutzer haben in den vergangenen Jahren erkannt, dass ein illegales Beziehen teuer werden kann. Meine Erfahrung zeigt, dass im europäischen Ausland die Tauschbörsennutzung noch deutlich verbreiteter ist, als dies in Deutschland der Fall ist.   

Im europäischen Vergleich spielen der Studie zufolge in Deutschland TV-Inhalte eine größere Rolle als in anderen Ländern, Film- und Musik-Piraterie fallen dagegen geringer aus. 

Inzwischen werden TV-Serien für großes Geld produziert und haben in vielerlei Hinsicht zur klassischen Filmindustrie aufgeschlossen. Allerdings werden (Kino)-Filme weiterhin in ähnlichem Ausmaß abgemahnt wie TV-Serien. Musik wird aber tatsächlich in den vergangenen Jahren immer weniger abgemahnt. 

Laut dem Bericht gibt es eine positive Korrelation zwischen dem Anteil der 15-24-jährigen in der Bevölkerung und den digitalen Musik-Erlösen. Anders gesagt treiben also die Jungen die Einnahmen der Musikindustrie nach oben. Klassisch wird genau diese Gruppe als größte Zielgruppe für Raubkopien gesehen. Wie ist die Aufteilung nach Altersgruppen in Ihrem Arbeitsalltag?

Das lässt sich tatsächlich schwer sagen, da die Anschlussinhaber abgemahnt werden. Dies ist im familiären Kontext zumeist einer der Elternteile. Grundsätzlich aber ist es allein aufgrund der technischen Fertigkeiten sicher so, dass der überwiegende Teil unter 40 Jahren ist.

Während viele bei Raubkopien eher an klassische Downloads denken, sind es in der Praxis mit weitem Abstand (75,3 Prozent) vor allem Streams. Neben klar illegalen Angeboten wie Popcorn Time zählt die EU auch ohne Genehmigung hochgeladene Clips bei Youtube als Urheberrechtsverletzung. Glauben Sie, dass den Menschen hier auch immer bewusst ist, dass sie gerade Recht brechen, wenn sie etwa ihren Kindern Serienfolgen bei YouTube einschalten?

Das ist den meisten Nutzern nicht klar und ist für diese zumindest bei YouTube auch nicht ersichtlich, weshalb sie in den meisten Fällen auch kein Recht “brechen”. Der EuGH hatte 2017 mit seinem Filmspeler-Urteil entschieden, dass sich Nutzer immer dann illegal verhalten, wenn sie beim Streaming von der Rechtswidrigkeit des verbreiteten Streams Kenntnis hatten oder diese hätten haben müssen. Davon dürfte zwar immer auszugehen sein, wenn aktuelle Kinofilme, die nicht legal abrufbar sind, im Internet im Wege des Streamings verfügbar gemacht werden. Bei YouTube werden Nutzer aber (zumeist) davon ausgehen dürfen, dass die dortigen Inhalte rechtmäßig eingestellt wurden. 

Lässt sich der Rückgang auch damit erklären, dass nicht als problematisch wahrgenommene Plattformen wie Youtube stärker gegen das Hochladen geschützter Inhalte vorgehen?

Natürlich hat auch der Umstand mit einem Rückgang zu tun, dass die Plattformen inzwischen schneller und häufiger illegale Inhalte löschen.

Eine wichtige Rolle beim Unrechtsbewusstsein spielen auch Strafen. Früher wurden über P2P-Sharing auch immer Inhalte durch die Nutzer weiterverbreitet, die Folge flatterte dann in Form einer Abmahnung in den Briefkasten. Bei modernen Diensten über Streams oder Filehosting gibt man als Nutzer keine geschützten Inhalte weiter, man ist nur Konsument. Hat man heute als reiner Konsument wirklich weniger zu befürchten als zur Hochzeit von Edonkey und Co.?

Zunächst muss gesagt werden, dass für viele Nutzer überhaupt nicht klar ist, dass es sich bei vielen vermeintlichen Streaming-Portalen tatsächlich um klassische Tauschbörsen handelt. Das von Ihnen erwähnte Popcorn-Time ist zum Beispiel eine solche Plattform. Hier tappen weiterhin viele Nutzer in die Falle, da sie sich auf einer legalen Streaming-Plattform wähnen, jedoch abmahnfähige Urheberrechtsverletzungen begehen. 

Seit dem Filmspeler-Urteil des EuGH, müssen Nutzer aber auch beim Streaming deutlich vorsichtiger sein. Denn geschützt werden sie nur noch von § 53 UrhG. Dieser erlaubt Vervielfältigung zum Zweck einer Privatkopie. Dies allerdings nur, wenn es sich nicht um eine offensichtlich rechtswidrige Vorlage handelt. Jeden Nutzer würde also im Vorfeld eine Prüfpflicht treffen, die kaum durchführbar sein dürfte.

Bei YouTube werden Nutzer, wie erwähnt, weiterhin davon ausgehen dürfen, dass die dortigen Inhalte rechtmäßig eingestellt wurden. Anders wird es bei Portalen wie etwa kinox.to aussehen. Dort wo aktuelle Kinofilme und Serien angeboten werden, muss Nutzern klar sein, dass die darüber zugänglichen Inhalte offensichtlich rechtswidrig sind. Es können Nutzern insofern auch Abmahnungen drohen, wobei die Kosten geringer ausfallen dürften als bei den Filesharing-Abmahnungen. Zumal eine Ermittlung der Nutzer bislang technisch kaum möglich ist. Hier ist immer die Mithilfe der jeweiligen Plattform von Nöten.

Im Oktober hat die Polizei die Server der Download-Seite Share-Online beschlagnahmt (hier erfahren Sie mehr). Die sogenannten One-Click-Hoster galten vorher als sehr sicher. Nun fürchtet sich die Szene vor den Folgen. Müssen sich auch Normalnutzer vor Abmahnungen fürchten?

Anders als beim Filesharing, wo eine Ermittlung von IP-Adressen einfach ist, ist beim Filehosting die IP-Adresse nur dem illegalen Portal bekannt. Diese speichern aber häufig keine IP-Adressen, sodass eine Ermittlung der Nutzer meist nur möglich sein dürfte, wenn diese mit Klarnamen registriert sind. Und selbst wenn die IP-Adresse gespeichert wurde, ist sie wegen der geringen Speicherdauer beim Provider nur innerhalb von wenigen Tagen zurückverfolgbar. Wenn Klarnamen tatsächlich gespeichert sind, könnte ein Vorgehen allerdings einfacher und günstiger sein, als den Namen des Anschlussinhabers hinter einer IP-Adresse zu ermitteln. Wenn die Nutzer aber ermittelbar sind, könnten die Rechteinhaber, deren Werke dort angeboten wurden, über eine Akteneinsicht bei der Staatsanwaltschaft an die Daten kommen und die Nutzer theoretisch abmahnen.

Doch auch in diesem Fall sind nicht alle Nutzer gleichermaßen bedroht: Zunächst einmal aber dürften hier die illegalen Uploader von urheberrechtlich geschütztem Material ins Visier der Rechteinhaber kommen, denn diese verdienen durch das illegale Hochladen zum Beispiel eines aktuellen Blockbuster-Films sogar Geld, unter anderem durch geschaltete Werbung beim Bereitstellen eines Links zum Content bei kinox.to. Bei ihnen haben die Rechteinhaber ein großes Interesse an einer Abmahnung, da der Schaden, der durch ihr Verhalten entstanden ist, besonders groß ist und deshalb hohe Summen gefordert werden können. 

Nutzer, die Werke nur zu privaten Zwecken heruntergeladen oder gestreamt haben, verletzen zwar ebenfalls Urheberrechte, wenn die Quelle offensichtlich rechtswidrig war. Hier muss Nutzern klar sein, dass diese nicht umsonst an anderer Stelle im Netz angeboten werden. Allerdings ist der entstandene Schaden regelmäßig viel geringer, weil keine Dateien beziehungsweise Streams weiterverbreitet, sondern lediglich konsumiert werden. Daher haben die Rechteinhaber möglicherweise kein Interesse an einem Vorgehen gegen diese Nutzer. Bisher hat es jedenfalls noch keine Abmahnungen wegen illegalen Streamings oder bloßen Downloads gegeben.

Im EU-Bericht fehlt mit Games ein wichtiges Feld. Sind Spiele bei Urheberrechtsverletzungen nicht mehr relevant? Falls ja: Woran könnte das Ihrer Ansicht nach liegen?

Im Verhältnis ist auch der Bereich Games-Abmahnungen rückläufig. Ein Grund könnte sein, das heute die meisten Spiele über das Internet gespielt werden und hierbei auf verschiedenen Plattformen Accounts und Registrierungen verlangt werden, auf die zurückgegriffen werden muss. “Heruntergeladene” Spiele können allerdings meistens nicht auf solchen Plattformen registriert werden und somit auch nicht online gespielt werden. Nichtsdestotrotz werden auch aktuell noch Computerspiele abgemahnt.

Den größten Rückgang gibt es dem Bericht zufolge bei Musik, dann folgen Film und Fernsehen. Glauben Sie, das hängt auch mit der Verfügbarkeit bequemer, legaler Alternativen zusammen? 

Ja, ganz sicher.

Ist der Preis ebenfalls ein Faktor? Die Piraterie-Quote dürfte doch in Deutschland bei teureren Angeboten wie Sky-Serien oder Fußball höher als bei günstigeren Inhalten.

Auch das spielt selbstverständlich eine Rolle. Sowohl der Preis, als auch die Aufspaltung spielen eine erhebliche Rolle. Je teurer das Angebot ist, desto mehr Urheberrechtsverletzungen sind zu befürchten. 

Der Bericht umfasst den Zeitraum zwischen 2017 und 2018. Glauben Sie, der Trend hat sich 2019 auch so fortgesetzt?

Meiner Auffassung nach stagniert der Trend 2019 und bewegt sich auf einem ähnlichen Level wie 2018.

Nachdem man jahrelang bei einem Dienst wie Netflix nahezu alles finden konnte, spaltet sich der Streaming-Markt aktuell immer weiter auf. Mit Disney und Apple treten mächtige neue Player auf, immer mehr Inhalte sind nur exklusiv bei einem der Dienste zu bekommen. Droht damit eine neue Welle der Piraterie?

Je mehr Dienste der einzelne Nutzer abonnieren muss, desto mehr Nutzer werden auf illegale Dienste zurückgreifen. Bei Musik ist es durch die enorme Präsenz von Spotify und Co. klar erkennbar. Hier erhalten Nutzer auf einer Plattform nahezu jedwede Musik. Bei Serien und Filmen hingegen spaltet es sich seit Jahren immer weiter auf. 

Christian Solmecke (45) hat sich als Rechtsanwalt und Partner der Kölner Medienrechtskanzlei Wilde Beuger Solmecke auf die Beratung der Internet- und IT-Branche spezialisiert. Das Interview wurde per E-Mail geführt. 

Quelle: EU IPO-Studie (Eine deutschsprachige Zusammenfassung finden Sie hier)

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