Operation Bagration – diese Offensive brachte das Ende der Wehrmacht

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Der militärische Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges lag lange vor dem Sommer 1944. In ihm begann die letzte und besonders verlustreiche Phase des Kriegs. Spätestens nach der Niederlage in Stalingrad war eine deutsche Niederlage unvermeidlich. Deutschlands bester Stratege Erich von Manstein bezwang die Sowjets im Winter 1943 zwar noch einmal in der Schlacht um Charkow, doch als die deutsche Offensive im Kursker Bogen im Frühjahr 1943 scheiterte, war endgültig klar, dass Berlin das Unvermeidliche nur noch hinauszögern konnte.

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Die größte militärische Niederlage der Deutschen

Am 6. Juni 1944 landeten die Alliierten in der Normandie. Die einzige Hoffnung der deutschen Militärs war es, diese Truppen unmittelbar nach der Landung ins Meer zu treiben. Das gelang nicht, in Frankreich begann eine zwei Monate andauernde Abnutzungsschlacht, welche die Deutschen nur verlieren konnten.

Der “D-Day” ist weithin bekannt, die Operation “Bagration”, die am 23. Juni 1944 startet, kennt kaum jemand. Doch sie bescherte den Deutschen die größte militärische Niederlage aller Zeiten. Eine halbe Million deutscher Soldaten starben und die komplette Heeresgruppe Mitte hörte praktisch auf zu existieren. Nicht aus Zufall begann der rote Sturm fast am gleichen Tag wie der deutsche Überfall auf die UdSSR. Der Historiker Karl-Heinz Friese sagte der “Welt”: “Das war Absicht. Die Rote Armee hatte die Eigenart, sich bei der Terminierung von Operationen an Gedenktagen zu orientieren.” Benannt wurde die Operation nach Pjotr Iwanowitsch Bagration. Er kommandierte den linken Flügel in der Schlacht von Borodino, als die Russen versuchten, Napoleon vor Moskau aufzuhalten. Bagration fiel in der Schlacht. Er war bei seinen Soldaten beliebt. Sie nannten ihn “Bogration“ – den Gott des Heeres.

Die gewaltige Bodenoffensive im Sommer 1944 war als Revanche für die vernichtenden Offensiven der Deutschen im Jahr 1941 gedacht, an ihrem Ende übertraf ihr Ergebnis noch die hohen Erwartungen des sowjetischen Oberkommandos.

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Zahlenmäßig war die Rote Armee den Deutschen überlegen. Für den ersten Ansturm stellte die Stawka, das sowjetische Oberkommando, 14 Armeen und eine Panzerarmee bereit. Zusammen etwa 1,6 Millionen Mann. Nominell sah die Überlegenheit der Sowjets gar nicht so drückend aus, die Deutschen verfügten auf dem Papier über etwa 850.000 Mann. Und ein zumindest teilweise gut ausgebautes Verteidigungssystem. Doch viele deutsche Verbände befanden sich unter ihrer Sollstärke, die wirklichen Kräfteverhältnisse waren weit drückender als auf dem Papier.

Blitzkrieg nach Art der Sowjets

Zudem war die Rote Armee im Jahr 1944 in den zentralen Momenten des Blitzkriegskonzept besser aufgestellt. Die Deutschen glaubten, dass sie das Konzept des Blitzkrieges allein erfunden hätten. Doch in der UdSSR hatten Vladimir Triandafillov und Mikhail Tukhachevsky in den 1920er und 1930er Jahren das Konzept der “Tiefen Operation” entwickelt. Ihre Strategie sah vor, dass große militärische Formationen an verschiedenen Orten und in Wellen angriffen. Angesichts des Chaos konnte der Feind nicht wissen, wo die entscheidenden Angriffe stattfinden würden. Speziell zusammengestellte gepanzerte “Stoßarmeen” sollten dann die entscheidenden Durchbrüche erzwingen.

Im Sommer 1944 waren sowjetischen Truppen weit beweglicher als die deutschen Infanteriedivisionen und sie wurden massiv von eigenen Flugzeugen unterstützt. Die deutsche Luftwaffe hatte den Kampf um die Luftüberlegenheit auch im Osten verloren. Die Wehrmacht führte inzwischen den “Krieg des armen Mannes”, wie der Historiker Karl-Heinz Frieser formulierte. Die 3. Panzerarmee besaß keinen einzigen Kampfpanzer mehr, dafür hatte sie 60.000 Pferde.

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Also besaßen die Sowjets die Initiative und konnten fast nach Belieben die Schwerpunkte ihrer Angriffe bilden. An diesen entscheidenden Durchbruchstellen waren die deutschen Kräfte dann tatsächlich haushoch unterlegen. Hinzu kam, dass die deutsche Feindaufklärung eine andere Richtung der sowjetischen Offensive annahm und alle Hinweise auf die wirklichen Absichten der Stawka ignorierte.

Durchbrüche an viele Stellen der Front

Gleich an sechs Stellen brachen die Sowjets durch die deutsche Front. Es kam nicht zu der von den Deutschen prognostizierten großen Offensive mit dem Ziel Berlin, sondern es erfolgte eine Vielzahl von Angriffen entlang der Front. Im deutschen Hinterland operierten zudem 150.000 Partisanen, die zwei Tage vor dem Angriff mit 10.000 Sprengungen das Eisenbahnnetz lahmlegten. Es war die größte Sabotageaktion des Krieges. Die Partisanen zerstörten “mehr als tausend Verkehrsknotenpunkte”, schrieb der Militärhistoriker David Glantz. Der Verlust des Eisenbahnsystems machte “den deutschen Rückzug, die Wiederversorgung und die seitlichen Truppenbewegungen unmöglich”. Am Höhepunkt der Offensive nahmen mehr als vier Millionen Soldaten, 62.000 Geschütze, 7500 Panzer und über 7100 Flugzeuge an den Kämpfen teil. Die stärksten Kräfte der Heeresgruppe Mitte wurden in Minsk eingekreist und vernichtet. Aus dem Westen konnte das deutsche Oberkommando nur schwer Truppen abziehen, Verstärkungen müssten daher aus anderen Teilen der Ostfront genommen werden. Die Folge waren weitere Durchbrüche der Sowjets.

Das Chaos war unbeschreiblich. Die Anstrengungen der Märsche und fehlende Versorgung führten dazu, dass junge Rekruten bei Tarnopol zusammenbrachen und einfach an Entkräftung starben. Der Wehrmachtssoldat Heinz Fiedler aus der 134. Infanterie-Division berichtete in einer TV-Dokumentation: “Also wir waren eingeschlossen und die die vorne waren, die schrien ‘Pak und Flak nach vorne!’ und die von hinten: ‘Wir haben keinen Sprit. Wir haben keine Munition mehr.’ Und so ging das immerwährend. Es war alles Scheiße.“

Der sowjetische Journalist Wassili Semjonowitsch Grossman erinnerte sich: “Die Männer laufen über die Leichname deutscher Soldaten. Leichen, hunderte und tausende bedecken die Straße, liegen in Gräben, unter den Kiefern, auf den noch grünen Getreidefeldern. An einigen Stellen müssen Fahrzeuge über die Körper fahren, weil sie so dicht auf dem Boden liegen.”

“Feste Plätze” sollten die Sowjets aufhalten

Im Frankreich gelang den Deutschen nach dem Ausbruch der Alliierten aus dem Normandie-Brückenkopf ein Kunststück: Sie konnten einen großen Teil ihrer Truppen retten, in dem sich schneller zurückzogen, als die Alliierten vorrücken konnten. Im Osten gelang das nicht. Die großen Entfernungen im Osten und die hohe Vormarschgeschwindigkeit der russischen Panzertruppen verhinderten einen geordneten Rückzug. Hinzu kamen die Versuche Hitlers, mit Durchhaltebefehlen einen Rückzug zu verhindern. Hitler hatte die fixe Idee, ausgesuchte Orte als Festung zu verteidigen. Die Garnisonen dieser “festen Plätze” sollte sie bis “zum letzten Atemzug” verteidigen und so als “Wellenbrecher ” der roten Flut ihren Schwung nehmen. Die Soldaten mussten sich freiwillig einkesseln lassen und sollten bei der kommenden Gegenoffensive herausgehauen werden. An diesem Konzept funktionierte nichts. Die ausgesuchten Plätze waren keineswegs festungsmäßig ausgebaut, es gelang auch nicht, ausreichende Truppen für ihre Verteidigung zusammenzuziehen – zu der geplanten Gegenoffensive kam es nie. Das größte Problem: Die Wellenbrecher konnten den Vormarsch der Roten Armee nicht nennenswert hemmen. Die Stawka setzte – so wie es die Doktrin der “Tiefen Operation” vorsah – 1944 mehrere Wellen von Angriffsverbänden ein. So konnte sie die festen Plätze einschließen und gleichzeitig den Vormarsch mit frischen Truppen fortführen.

Das Drama in Warschau

Mitten in der Offensive bahnte sich in Warschau ein Drama an. Am 27. Juli sollte die 2. Panzerarmee mit 800 Panzern vorstoßen und den Warschauer Stadtteil Praga nehmen. Vorausabteilungen der Roten Armee überschritten kurz darauf die Weichsel. Sie bildeten nördlich von Warschau einen Brückenkopf. Doch der deutsche Feldmarschall Walter Model erwies sich als Meister der Verteidigung. Seine Fallschirmjäger stoppten die Sowjets in Praga. Der Gegenangriff seiner Truppen kostete die 2. Panzerarmee 550 ihrer Panzer. Am 4. August war die 2. Panzerarmee praktisch aufgerieben, der Sturm auf Warschau gescheitert.

Doch als die sowjetischen Panzer am 1. August Praga erreicht hatten, gab die polnische Exilregierung das Signal für einen großen Aufstand in Warschau, um die Stadt unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Hauptstadt sollte befreit werden, bevor die Russen sie besetzen konnten. Doch nach dem Verlust der 2. Panzerarmee unternahm Stalin keine Anstrengungen, den westlich orientierten Aufständischen zur Hilfe zu kommen. Hilfe aus der Luft durch die West-Alliierten blockierte er. Der Warschauer Aufstand wurde von den Deutschen mit unglaublicher Grausamkeit niedergeschlagen. Geplant war das Scheitern des Angriffs der 2. Panzerarmee auf Warschau nicht, doch zweifellos gedachte Stalin, den fehlgeschlagenen Aufstand für sich zu nutzen.

Es folgte der Sturm auf das Reich

Ende August 1944 endete der Vormarsch der Rotarmisten. 17 deutsche Divisionen waren komplett zerstört. 50 Divisionen hatten mehr als die Hälfte der Soldaten verloren. In zwei Monaten war die Rote Armee 600 Kilometer weit nach Westen vorgestoßen. Riesige Gebiete Weißrusslands, Teile Lettlands, Litauens und Polens waren von Deutschen befreit. Zumindest für Polen und das Baltikum muss man festhalten, dass sie mit dieser “Befreiung” unter die Schreckensherrschaft Stalins geraten waren. Ende August standen die Sowjets unmittelbar vor Ostpreußen und damit vor dem Reichsgebiet. Kurz darauf gelang es ihnen, die deutsche Heeresgruppe Nord im Baltikum abzuschneiden. Die Deutschen konnten der Roten Armee danach nichts mehr entgegensetzen. Der Militärhistoriker Hermann Gackenholz schrieb, damit begann die “Agonie der deutschen Kriegführung im Osten”.

Quellen.

David Glantz “When Titans Clashed: How the Red Army Stopped Hitler”

William M. Connor “Analysis of Deep Attack Operations: Operation Bagration”

Karl-Heinz Frieser (Hrsg.) “Die Ostfront 1943/44. Der Krieg im Osten und an den Nebenfronten”

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